KI könnte die Waage aus dem Gleichgewicht bringen – wird der Wert juristischer Arbeit standhalten?

Abgerechnet in Stunden, erledigt in Minuten: Wird KI das Abrechnungsmodell der Anwaltskanzleien ins Wanken bringen?

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Von Henning Lorenzen
Gründungsherausgeber & Verleger bei NWS.magazine
31 Jul 2025 |NWS.focus|Lesedauer: 7 Minuten
In brief

Generative KI beschleunigt juristische Arbeit in einem bislang unbekannten Ausmaß: Recherche, Analyse und Vertragsentwürfe, die früher Stunden dauerten, entstehen heute in Minuten. Gleichzeitig basiert das dominante Abrechnungsmodell vieler Kanzleien weiterhin auf dem Zeitaufwand. Daraus entsteht ein grundlegender Konflikt: Wenn Zeit nicht mehr der Engpass ist, woran bemisst sich dann der Wert juristischer Leistung?

Dieser Artikel analysiert, wie KI das ökonomische Fundament der Stundenabrechnung unter Druck setzt. Anhand von Marktstudien, Praxisbeispielen und regulatorischen Entwicklungen zeigt er, warum zeitbasierte Honorare zunehmend mit KI-gestützten Arbeitsweisen kollidieren und weshalb Mandant:innen verstärkt Transparenz und Wertbezug einfordern. Er argumentiert, dass die Zukunft juristischer Vergütung in wertorientierten und hybriden Modellen liegt, die Expertise, Urteilskraft und Verantwortung honorieren – nicht die Dauer der Leistungserbringung. In einer KI-gestützten Rechtswelt entscheidet nicht mehr die Uhr über den Preis, sondern der nachweisbare Mehrwert.

Wenn Geschwindigkeit kostenlos wird – wofür zahlen Mandanten dann eigentlich?

Generative KI verändert die Art und Weise, wie juristische Arbeit entsteht. Was früher vier Stunden sorgfältiger Analyse erforderte, kann heute – zumindest teilweise – in wenigen Minuten von einem Sprachmodell erstellt werden. Doch während die Technik die Bearbeitungszeit verkürzt, rechnen viele Kanzleien weiterhin nach Stunden ab. Das führt zu einem grundlegenden Spannungsverhältnis: Zahlen Mandant:innen für Zeit – oder für Expertise?

KI stellt das Stundenhonorar infrage

Das Abrechnungsmodell auf Stundenbasis wird seit Langem kritisiert – es belohnt Ineffizienz und bremst Innovation. Mit Tools wie ChatGPT, Harvey oder spezialisierten Legal-AI-Copiloten lassen sich Memos verfassen, Verträge strukturieren oder Urteile zusammenfassen – in Rekordzeit. Aber wenn eine Aufgabe, die früher mit 4 Stunden abgerechnet wurde, heute nur noch 10 Minuten dauert – gibt es dann Rabatt? Oder ist die Anwältin einfach effizienter?

Was früher vier Stunden strategischer Analyse benötigte, dauert heute 20 Minuten. Bedeutet das: 1.200 € werden zu 100 €? Nicht ganz – aber Mandant:innen wollen wissen, warum nicht.

Tatsächlich sind die wenigsten Kanzleien bereit, ihre Preise an KI-beschleunigte Abläufe anzupassen. Doch Mandant:innen wissen zunehmend, welche Tools genutzt werden – und hinterfragen den Wert zeitbasierter Abrechnung, wenn Zeit nicht mehr der Engpass ist.

Zeig mir die Zahlen: Wie viel Zeit spart KI wirklich?

Studien von McKinsey, Thomson Reuters und Gartner zeigen: Generative KI kann je nach Aufgabe 20–70 % der Arbeitszeit einsparen:

  • Standardvertragsentwürfe: 40–70 % schneller mit vorlagenbasierten Copiloten
  • Dokumentenprüfung & Risikofilter: bis zu 55 % Zeitersparnis bei automatisierter Erstanalyse
  • Juristische Recherche & Urteilssynopsen: 30–50 % schneller durch generative Suchtools
  • Due-Diligence-Datenanalyse: 25–40 % Zeitersparnis in frühen Transaktionsphasen

Je nach Jurisdiktion und Prüfpflichten variieren die Werte – doch eines ist klar: Zeit ist nicht mehr der entscheidende Engpass – Glaubwürdigkeit und Analysefähigkeit schon.

Value-Based Pricing: Vom Konzept zur Notwendigkeit

Über wertorientierte Honorarmodelle wird seit Jahren diskutiert. KI könnte sie zur Pflicht machen. Statt Zeit zu berechnen, müssen Kanzleien künftig den Mehrwert rechtlicher Leistungen erklären: Risiken vermieden, Deals ermöglicht, Rechte gesichert. Das bringt:

  • ✔ Fokus auf Expertise statt Aufwand
  • ✔ Förderung von Effizienz und Transparenz
  • ✔ bessere Ausrichtung von Kanzleiinteressen und Mandantenbedürfnissen

Ethische und regulatorische Fragen

Jurisdiktionen wie die EU und das Vereinigte Königreich prüfen bereits Regeln zum KI-Einsatz in der Rechtsberatung. Zentrale Fragen:

  • Transparenz: Müssen Mandant:innen erfahren, wenn KI eingesetzt wird?
  • Qualitätssicherung: Wer prüft und verantwortet KI-generierte Inhalte?
  • Honorarbegründung: Haben Mandant:innen ein Anrecht auf die echte Bearbeitungszeit?

Die ABA Model Rules und nationale Standesregeln betonen zunehmend: Honorare müssen „angemessen“ sein – gemessen an Aufwand und Ergebnis, nicht an Stundenzetteln.

Auf dem Weg zu einer neuen Abrechnungslogik

KI wird juristische Honorare nicht abschaffen – aber sie wird verändern, wie sie begründet werden. Die Zukunft könnte so aussehen:

  • ✔ Hybride Modelle: Zeit für menschliche Expertise, Festpreise für KI-gestützte Aufgaben
  • ✔ Ergebnisorientierte Vergütung: Bezahlung für Resultate, nicht für Prozesse
  • ✔ Transparente Aufschlüsselung: Was wurde automatisiert, was manuell geprüft?

„KI reduziert die Zeit. Jurist:innen müssen den Wert begründen.“

Fazit

KI ersetzt keine Jurist:innen – aber sie verändert, wie sie ihre Honorare rechtfertigen. In einer Welt, in der juristische Ergebnisse in Sekunden generiert werden können, zählt der menschliche Mehrwert: strategisches Denken, Verantwortung, Urteilskraft. Die Abrechnung muss folgen – nicht um den Beruf zu entwerten, sondern um seine neue Realität abzubilden.

Die Uhr tickt – aber nicht mehr in abrechenbaren Stunden.

Further Reading & Sources

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Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf der Übersetzung des englischen Originalbeitrags. Die deutsche Fassung wurde redaktionell geprüft.